Was ist eigentlich »Guter Sex«?

Was ist eigentlich »Guter Sex«?

Jeder, der dieser Frage ernsthaft nachgeht, stößt früher oder später auf Schnecken. Kein Witz: Schnecken sind wahre Meister des Liebesspiels! In bis zu zwanzig Stunden andauernden sexuellen Begegnungen variieren sie die ausgefallensten Stellungen und Praktiken. Zu den Standards gehören dabei unter anderem speerähnliche Liebespfeile, die sie in ihre Partner bohren oder das gemeinsame Abseilen am Schleimfaden, während sie ihre Genitalien spiralförmig ineinander verdrillen. Für die Freunde des »Schönen Schmerzes« könnte eine Meerschnecke der Gattung Siphopteron von Interesse sein. Die stößt ihrem Gegenüber zunächst ein Loch in die Stirn und injiziert ihr Prostatasekret direkt zwischen die Augen, während sie am Unterleib ihre Spermien mit einem Dornenpenis in den Samenbehälter des Partners überträgt.

Jetzt mal ehrlich: Da kann der Typ aus 50 Shades of Grey doch einpacken und heimgehen!

Was wir unter »Gutem Sex« verstehen

Wenn ich Klienten gelegentlich frage, was sie unter »Gutem Sex« verstehen, bekomme ich nicht selten schon vom Zuhören Rücken. Eher sportliche Stellungen stehen jedenfalls bei den Männern ganz oben auf der Wunschliste, dicht gefolgt von Teilnehmerzahlen >2 und der Erkundung sämtlicher penetrationsfähiger Öffnungen. Frauen hingegen scheinen mehr Wert auf Stimmung und Ambiente zu legen. Was allerdings besser nicht so missverstanden werden sollte, dass die moderne Frau allein mit einem schicken Abendessen und ein paar Kerzen zu beeindrucken wäre. Sie erwartet – nach dem Dessert, versteht sich – vielmehr einen versierten Liebhaber, der ihre »Knöpfe« allesamt und in der richtigen Reihenfolge zu bedienen weiß – multiple, versteht sich – gerne pikante Sonderwünsche erfüllt, sich mit Verhütung auskennt und überdies gut riecht.

In einer Gesellschaft, die sich in weiten Teilen durch sexuelle Toleranz und Freizügigkeit, sowie durch eine schier unüberschaubare Vielzahl an Angeboten zur sexuellen Stimulation und Befriedigung auszeichnet, möchte man also meinen, dass die Mehrzahl ihrer Mitglieder sexuell aktiv und rundum zufrieden mit den Ergebnissen der eigenen Bemühungen ist.

Dem ist aber leider nicht so.

Tatsache ist…

Die Anzahl der Partnerschaften, die aufgrund sexueller Unzufriedenheit oder Differenzen scheitern, ist seit Jahren steigend. Oft gehen der Trennung eine oder mehrere Außenbeziehungen voraus, was mit sexueller Frustration innerhalb der primären Paarbeziehung begründet wird. In machen Fällen wird die Erfüllung bestimmter sexueller Erwartungen sogar zur Bedingung für den Fortbestand einer Partnerschaft gemacht. Meistens ist es jedoch so, dass Paare sich im Laufe der Zeit auf eine bestimmte Schnittmenge beiderseits zustimmungsfähiger Praktiken geeinigt haben, die dann durch ständige Wiederholung für Monotonie und Langeweile im Bett sorgen. Einige versuchen dem Dilemma zu entkommen, indem sie ihrem Sexleben immer wieder neue, höhere Reize hinzufügen, wie etwa besonderes Zubehör oder Besuche im Swinger-Club. Sie machen dabei nicht selten die Erfahrung, dass diese Hilfsmittel, wenn überhaupt, nur kurz für Abhilfe sorgen. Andere trösten sich mit der Vorstellung, dass Sex in einer dauerhaften Beziehung naturgemäß an Reiz verliere und lassen ihn schließlich früher oder später ganz einschlafen. Die Spannungen, die sich daraufhin häufig an anderer Stelle in der Partnerschaft zeigen, dürfen getrost als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Liebe sich eben nicht so ohne weiteres eines ihrer wesentlichen Ausdrucksmittel berauben lässt.

»Guter Sex« und/oder Liebe?

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich möchte hier keinesfalls einen notwendigen Zusammenhang zwischen Liebe und »Gutem Sex« behaupten. Ich kenne glückliche Paare, die sich innig lieben und dabei gute Gründe haben, freiwillig auf Sex zu verzichten. Genauso wenig käme es mir in den Sinn, einem Menschen, der sich entschieden hat, keine verbindliche Liebesbeziehung eingehen zu wollen und dafür lieber Sex mit wechselnden Partnern hat, zu unterstellen, dass sein sexuelles Erleben flach sei. Unsere Lebens- und Liebeskonzepte sind heute so flexibel wie nie. In der weiten Spanne zwischen der Möglichkeit, Sex allein als Mittel zur eigenen Triebbefriedigung zu nutzen und einer verbindlichen Liebesbeziehung, die emotional und sexuell für mehr als nur zwei Partner offen stehen kann, hat jeder von uns die Chance, sein individuelles Glück zu finden – vorausgesetzt, wir sind bereit, die Konsequenzen aus unserer Wahl bereitwillig zu (er-)tragen. Schließlich bedeutet eine Wahl zu treffen auch, auf das, was man nicht gewählt hat, zu verzichten.

Ein »Goldenes Kalb« namens Orgasmus

In der Tat vermute ich die Ursache sexueller Unzufriedenheit also weniger in den modernen Konzepten, nach denen wir unser Leben heute führen, als vielmehr in den althergebrachten Vorstellungen und Erwartungen, mit denen wir unserer Sexualität noch immer beschränken. Damit meine ich insbesondere die fixe Idee, dass der Orgasmus grundsätzlich das Ziel all unserer sexuellen Bemühungen zu sein habe.

Nichts gegen Orgasmen! Selbstverständlich nimmt diese unvergleichliche Erfahrung von Entgrenzung und/oder Verschmelzung eine zentrale Rolle in der sozialen Selbstwahrnehmung eines jeden Menschen ein. Auch dort, wo reine Triebabfuhr als Motiv im Vordergrund steht, kann dem Orgasmus kaum eine andere Empfindung das Wasser reichen. Danken wir der Schöpfung an dieser Stelle einmal von Herzen für dieses wunderbare Geschenk! Denn das ist es: ein Geschenk. Der Orgasmus ist eine unwillkürliche Körperreaktion. Wir können ihn nicht mittels Willen oder Leistung herbei zwingen, nicht zuverlässig und rechtzeitig einfordern. Nicht einmal die leidenschaftlichste Liebe vermag das. Welchen Sinn macht es dann also, die Zuverlässigkeit, die Intensität und Häufigkeit von Orgasmen zum Maßstab für die Qualität einer sexuellen Begegnung zu erklären? Geben wir damit unsere ureigene, kreative sexuelle Ausdruckskraft nicht zugunsten eines allgemeinen Ideals auf, das wir selbst nur leidlich beeinflussen können? Soll »Guter Sex« wirklich nur denjenigen vorbehalten sein, die den Leistungskriterien des offiziellen Orgasmus-Castings stand halten?

Vom Lustspender zum Angstgegner

In meiner Praxis treffe ich häufig auf Menschen, deren Orgasmus sich vom Lustspender zum Angstgegner gewandelt hat. Dieser versperrt ihnen in vielen Fällen nicht nur den vermeintlichen Zieldurchlauf, sondern macht den Weg dahin schon zu einer mühsamen Angelegenheit. Erregung überhaupt zu spüren und zuzulassen wird dann bereits zu einer Hürde, die Unsicherheit und Angst einflößt. Manchen mag es dabei noch gelingen, die Lust vorzutäuschen und sich dabei einzureden, sie sei echt – der dringend notwendige Beweis für die eigene sexuelle Norm (das können Männer übrigens gar nicht so viel schlechter als Frauen). Bei den meisten macht sich nach solchen missglückten Erfahrungen aber rasch ein Gefühl des Ungenügens breit, der Unzumutbarkeit, der Selbstverachtung. Manche ziehen sich dann ganz aus der direkten sexuellen Begegnung zurück oder verlagern ihre Begierde zum Beispiel auf Pornos. Manche geben ihre Beziehungen auf. Manche werden verlassen. Dann ist die Selbstachtung im freien Fall.

Vom »Guten Sex« zur unmittelbaren Intimität

Stellen wir uns stattdessen doch einmal vor, unser Orgasmus wäre vorübergehend verreist. Beängstigende Vorstellung, ich weiß. Aber hey! Es ist ja nur vorübergehend. Während unser Orgasmus sich also auf sagen wir mal Hiddensee von uns erholt, sind wir mit dem ganzen Rest unserer sexuellen Handlungsmöglichkeiten zu Hause geblieben. Natürlich können wir uns jetzt entscheiden, enthaltsam zu leben und auf die baldige Rückkehr unseres Orgasmus zu hoffen. Ebenso gut können wir uns aber auch durchringen, dem orgasmusfreien Sex einmal eine Chance zu geben.

Was wäre jetzt anders?

Zunächst einmal könnten wir uns entspannt zurücklehnen und ausatmen. Schließlich gäbe es kein »Ziel« mehr, das wir auf mehr oder weniger vorgezeichneten Bahnen erreichen müssten. Stattdessen läge vor uns ein offenes Feld sexueller Handlungsmöglichkeiten, auf dem wir uns frei bewegen und bedienen könnten. Wäre es denn nicht denkbar, dass wir beim Herumstreifen über etwas stolpern, das uns bis dato noch nie aufgefallen ist? Eine Stelle unseres Körpers vielleicht, die besonders empfänglich auf eine Berührung reagiert oder eine Veränderung in der Augenfarbe des/der Liebsten, die ihn oder sie mit einem Mal ganz anders aussehen lässt? Ließen wir uns auf diese neue erotische Spur ein, wohin würde uns das führen? Könnte es sein, dass die Aufmerksamkeit, die wir sonst auf das Erreichen unseres zukünftigen Orgasmus fokussieren, plötzlich frei wäre, um wahrzunehmen, was in diesem Augenblick zwischen mir und meinem Partner entsteht? Ist das überhaupt vorstellbar? Sex als kreativer Prozess, als unverwechselbares Unikat, entstanden aus der intimen Verschmelzung unmittelbarer sexueller Energien? Eine phänomenologische Liebeserfahrung im Gegensatz zu planmäßigem, zielgerichtetem Handeln?

Mut zur Macke

Möge an diesem Punkt bitte keiner glauben, dass dies eine Anleitung zum Blümchensex für Warmduscher sei. Es kostet vielmehr einiges an Mut und Überwindung, sich einem anderen Menschen, auch einem geliebten, so spontan und unverstellt zu zeigen. Schließlich treten dabei nicht nur unsere heldenhaften Züge ins Rampenlicht, sondern auch unsere kleinen und großen Schwächen, unser Unvermögen, unsere verborgenen Versagensängste. Vielleicht stellen wir dann sogar fest, dass die Fixierung auf den Orgasmus uns bisher davor geschützt hat, dem Partner die Stellen zu offenbaren, an denen wir verwundbar sind. Der Unterschied ist, dass wir unsere »Macken« jetzt freiwillig preisgeben und nicht mehr von ihnen überrannt und bloßgestellt werden. Gut möglich, dass wir dann zum ersten Mal die kostbare Erfahrung machen, dass eine kleine, liebevolle Berührung jeden Super-Orgasmus toppen kann.

Sollte es dann unvermutet an der Tür klopfen und unser Orgasmus davor stehen, der sich auf Hiddensee gelangweilt hat, dann orgas-darf der natürlich gerne eintreten, orgas-muss das aber nicht mehr.

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